Mittwoch, 11. Februar 2009

Das Volto Santo von Manoppello

Gisela Ermel

Vortrag, gehalten auf dem Seminar "Paläo-Kontakt - Zeitreise zu den Göttern aus dem All" in Würzburg, 20. März 1999


Beim sog. Volto Santo von Manoppello handelt es sich um ein farbiges Antlitzbild auf einem hauchzarten Schleier, aufbewahrt im Kapuziner-Kloster in Manoppello, Italien. Dort befindet es sich zwischen zwei Glasplatten in der Monstranz auf dem Altar, und der Besucher des Klosters sieht ein zartes, transparentes weisses Gewebe, auf dem man erst bei genauerem Hinsehen ein perfektes, plastisches Gesicht entdeckt, so plastisch, dass man glaubt, ein reales menschliches Gesicht zu sehen.







Das Volto Santo von Manoppello

Das Bild ist hochrechteckig, ca. 20 mal 40 cm gross, und gilt als Abbild des Antlitzes des Jesus Christus.

Das Schleierbild hat vollkommen rätselhafte Eigenschaften, die alle jene ratlos lassen, die es untersuchten. Das Bild wirkt weder gemalt noch gewoben, was auch die bisherigen mikroskopischen Untersuchungen bestätigten. Weder auf den Gewebefäden noch zwischen ihnen wurde die geringste Spur eines Farbstoffes gefunden, auch nicht bei extremer Vergrösserung oder bei Tests mit UV-Strahlen und anderen Untersuchungen.


Das Gewebe des Volto Santo

Es existieren ganz einfach keine materiell ermittelbaren Farbstoffe, die das Bild erkären könnten. Die Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass sich die Färbung auf uns unbekannte Weise innerhalb der Fäden vollzogen haben muss. Der ganze feine Schleierstoff ist wie wolkig eingetönt, und doch ergibt sich ein ganz präzises Bild eines männlichen Antlitzes. Man hat es zu tun mit einem übergangslosen Farbverlauf: bei der uns rätselhaften und unbekannten Einfärbung der Fäden wechselt die Tönung ständig und stufenlos von hell zu dunkel, von ganz hell zu tief dunkel und allen dazwischenliegenden Tonwerten, dazu noch übergangslos von Farbe zu Farbe, ohne dass ein An- oder Absetzen eines zunächst vermuteten Farbaufstrichs mit einem Pinsel wahrgenommen werden könnte. Die bisherige Forschung hat jedoch einwandfrei ergeben, dass auf diesem Bild Pinselstriche definitiv nicht vorhanden sind. Wenn mit einem äusserst feinen Pinsel die Farbe auf den Schleier aufgetragen worden wäre, hätten sich notwendigerweise durchgehende Linien bilden müssen, die sich über die Kett- und Schussfäden des Gewebes hinziehen. Solche Linien aber gibt es auf dem Bild nicht. Es kann nicht mit einem Pinsel bemalt worden sein.


Wurde das Bild gewebt? Doch auch diese Bildentstehungsvariante haben die Wissenschaftler verworfen. Dazu hätten alle Fasern einzeln und mit übergangslosen Farb- und Tonwerten noch vor dem Webvorgang eingefärbt worden sein müssen. Das ist völlig undenkbar.


Aber es wird noch phantastischer. Völlig verblüfft waren die Wissenschaftler, die das Schleierbild untersuchten, über die Tatsache, dass sich das Bild offenbar nur auf den Kettfäden befindet. Es ist absolut unvorstellbar, wie dieses Bild entstanden ist: völlig stufenlos verlaufende Farbwerte, lediglich auf den Kett- und nicht auf den Schussfäden, ohne ermittelbare Farbmaterialien - ja, die Forscher wissen nicht einmal, wie ein so hauchzarter Schleierstoff überhaupt hergestellt worden sein konnte!


(Zwischenbemerkung: Siehe hierzu meinen Artikel "Das Schleiertuch von Manoppello" mit den Informationen über Muschelseide)


Noch dazu kommt die glasklare unerklärliche und extreme Durchsichtigkeit des Bildes. Es ist tatsächlich komplett durchsichtig, so dass man eine hinter das Bild gehaltene Zeitung mühelos zu lesen vermag. Ein Besucher, Renzo Allegri, der einen der wenigen Artikel über dies Artefakt schrieb in dem katholischen Blatt "Das Zeichen Mariens", bezeugte, wie der Kapuzinerpater Antonelli ein Büchlein für ihn hinter das im Reliquiar eingefasste Bild hielt, und Allegri auch die allerkleinsten Wörter klar und deutlich zu lesen vermochte. Diese erstaunliche Durchsichtigkeit ist an jeder Stelle des Schleierbildes gleich: überall bleiben der einzelne Faden und das ganze Gewebe gleich glasklar.


Bei Gegenlicht kann man das farbige Bild nicht sehen


Gegen materielle Farben auf dem Bild spricht auch der Umstand, dass keinerlei Kapillarfluss in die Fasern hinein festgestellt werden konnte, was beim Auftragen uns unbekannter Farben einfach unmöglich wäre. Ein Einsaugen von Farben in die Fäden hätte auch die glasklare Durchsichtigkeit unmöglich gemacht.


Noch ein Merkmal hat die Wissenschaftler und alle Bildbetrachter verblüfft: der Dia-Effekt des Bildes. Dieses Farbbild ist von der Vorder- und der Rückseite gleichermassen gut zu sehen, so dünn und durchsichtig ist das Gewebe. Bis heute ist es total unbekannt, welche Seite des Bildes die vordere und welche Seite die hintere ist. Sie wirken völlig identisch, ausser dass das Männergesicht mal nach rechts und mal nach links geneigt ist.

Das Volto Santo mal von vorne, mal von hinten gesehen


Kunstexperten sind sich darin einig: wenn es sich um ein gemaltes Bild handeln würde, so würde ein leichtes Farbverlaufen genügen, um auf dem Bild, das von der Rückseite betrachtet wird, leicht feststellbare Unterschiede zu bewirken. Dieser Dia-Effekt ist aufs allergenaueste untersucht worden: es wurden Aufnahmen in extremer Vergrösserung und mit dem Mikroskop gemacht sowie Digitalaufnahmen, doch es konnte nicht die allergeringste Abweichung und Differenz zwischen Vorder- und Rückseite festgestellt werden.
(Zwischenbemerkung: s. dazu meinen Artikel "Das Schleiertuch von Manoppello". Inzwischen wurden Unterschiede gefunden, die allerdings das Bild noch rätselhafter machen.)

Bei verschiedenen Untersuchungen ergaben sich überraschende Effekte. So waren die Wissenschaftler verblüfft, dass das Bild unter ultravioletter Beleuchtung verschwunden war und sich nur ein völlig weisser Schleier zeigte. Einen ähnlichen Effekt erzielt man, wenn man das Tuch gegen das Licht einer Lampe oder gegen das Licht eines Fensters hält: das Bild verschwindet, und man sieht lediglich den hauchzarten weissen Schleier. (s. Bild, weiter oben)


Schon vor 1978 haben einige Wissenschaftler das Tuch einem besonderen Experiment unterzogen, indem sie es dem sog. Wood-Licht aussetzten. Wood-Licht besteht aus UV-Strahlen, die erlangt werden, wenn man das von einer Quecksilberdampflampe abgegebene Licht durch ein Glas aus Nickeloxid filtriert. Dies Verfahren wird z.B. von Kunstexperten angewandt zur Analyse verschiedener für die Bildherstellung verwendeter Substanzen. Das Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von Fluoreszenz gestattet es, zwischen reinen und unreinen, natürlichen und künstlichen Substanzen zu unterscheiden. Die Wissenschaftler erzielten verblüffende Resultate beim Schleierbild: das Wood-Licht rief Reaktionen intensiver Farbe und Leuchtkraft hervor, als es auf das Silberreliquiar und auf den Holzrahmen gelangte, während es keinerlei Reaktion bewirkte, als es auf den Schleier gelangte, wie wenn es in die absolute Leere ginge. Die Forscher sagten, dass dies Verhalten des Wood-Licht absolut unerklärlich sei.


Ein zweites erstaunliches Merkmal des Bildes besteht darin: es ist unmöglich, aus nächster Nähe die Züge des Bildes auszumachen, die im Gewebe absorbiert erscheinen. Eine Nahansicht des Bildes mit blossen Augen ist nicht möglich.


Einige Künstler versuchten, das Bild zu kopieren. Sie benutzten einen Gewebetyp, der dem Schleier am ähnlichsten kam - einen gleichen konnte niemand auftreiben - und machten sich an eine getreue Imitation. Das Resultat war stets enttäuschend, es wich stets weit vom Original ab. Die Qualität des echten Farbbildes konnte nicht einmal annähernd erreicht werden, abgesehen davon, dass die Künstler mit Farbmaterialien arbeiteten, während sich solche auf dem echten Bild nicht nachweisen lassen.

Der Altar mit dem Schleierbild

Bis heute hat sich an dem Urteil der Fachleute und Kunstexperten, die sich mit dem Volto Santo befassten, nichts geändert. Die Bildentstehung ist und bleibt unbekannt. Die Kirche hat sich bis heute auf kein offizielles Urteil eingelassen und verweist auf Legenden, die besagen, das Bild sei "nicht von Menschenhand gemacht".


Renzo Allegri schrieb in "Das Zeichen Mariens": "Wie es möglich gewesen sein kann, auf einer so feinen Schleiergaze einen Druck eines so deutlichen Bildes anzubringen, ist ein Mysterium."


"Natürlich sind", so Pater Antonelli aus Manoppello, "verschiedene Hypothesen aufgestellt worden in dem Bestreben, zu einer plausiblen Erklärung zu kommen. Man dachte sich, dass das Bild das Werk eines fähigen Künstlers sei, aber Wissenschaftler, Maler, Gelehrte verschiedener Disziplinen schliessen dies aus. Kein Künstler kann eine Arbeit dieser Art vollbracht haben."


Ähnlich resümierte auch Kurt Walter Zack, ein Schweizer Architekt, der sich intensiv mit dem Volto Santo befasste: "Wenn der Schleier von Manoppello ein menschliches Werk ist, befinden wir usn vor einem wahren Wunder der Technik."


Dieselbe Ansicht ist von weiteren Wissenschaftlern vertreten worden, die alle absolut fassunglos waren angesichts dieses unmöglichen Schleierbildes.


Noch ein faszinierendes Bildmerkmal sei hier erwähnt, dessen Entdeckung wir der Trapistenschwester Blandina Paschalis Schlömer verdanken. Diese talentierte Ikonographin und Fotografin, war im September 1977 auf einem Fachkongress in Nizza auf dieses Bild aufmerksam geworden, wo u.a. eine Gigantographie des Volto Santo gezeigt wurde. Eine Vorahnung sagte ihr, dass das Antlitz auf dem Schleier deckungsgleich sein könnte mit dem Antlitz auf dem Turiner Grabtuch - beide ja bekannt als das Antlitz Jesus Christus. Mit Hilfe zweier Diapositive, die sie übereinanderlegte, und mit Hilfe eines von ihr selbst entworfenen Koordinatensystems, begann sie ihre minuziös vergleichende Arbeit.


Schon bald konnte sie feststellen, dass unzählige Punkte beider Bilder einander so genau entsrpachen, dass sich aus beiden Bildern ein einziges, kongruentes Bild ergab. Das Ergebnis ihrer Arbeit war der Nachweis der perfekten Übereinstimmung der Darstellung des Antlitzes auf dem Turiner Grabtuch mit dem des Schleierbildes. Doch auf dem Antlitz des Volto Santo sieht man keine Hautblutungen, keine Wunden an der Stirn und über der Nasenscheidewand, jedoch gibt es Blutgerinnsel in denselben Positionen wie beim Antlitz des Grabtuches.


Verschiedene Betrachter des Bildes gaben ihre Ansicht kund, dass das Bild möglicherweise Jesus Christus darstelle im Augenblick der Auferstehung: die Züge des Antlitzes seien extrem fein, licht und transparent - eben so, wie man sich Jesus Auferstehungsleib vorstellte.


Doch die Wissenschaft darf sich nicht auf den Boden religiöser Spekulationen begeben, sondern muss sich an Untersuchungsergebnisse halten. Doch die brachten bis heute keine zufriedenstellenden Resultate.


Bringt die Geschichte des Bildes Licht ins Dunkel seiner Entstehung und Charakteristik?


Eine ganze Reihe von Historikern geht inzwischen davon aus, dass das Volto Santo von Manoppello identisch sei mit dem sog. Wunderbild von Kamulia in Kappadokien, von dem alte Schriften berichten. Dieses "nicht von Menschenhand gemachte" Christusantlitzbild war in ganz Kleinasien weit berühmt, und wir besitzen heute zwei verschiedene Entstehungs-Überlieferungen.


In Version A haben wir eine Handschrift, die uns in syrischer Übersetzung aus dem Jahr 560 erhalten ist. In welcher Zeit sich das Ereignis abspielt, das darin geschildert wird, wissen wir nicht genau. Dieser Text erzählt von einer jungen Heidin, die ermahnt wurde, Christin zu werden. Sie habe argumentiert: Wie soll ich jenen ehren, da er nicht sichtbar ist und ich ihn nicht kenne? Nun habe sie eines Tages in einem Gartenwasserbassin bei ihren Haus ein Schleierbild mit dem darauf befindlichen Antlitz Christi gefunden. Sie nahm es aus dem Wasser heraus, "und als sie es heraufnahm, ohne dass es nass war, wunderte sie sich und verhüllte es mit dem Mantel, den sie trug..." Später habe man zu Ehren des Bildes einen Tempel erbaut, und der Ruhm des "Wunderbildes" verbreitetet sich überall im Lande und darüberhinaus.

Entstehungsversion B stammt sehr wahrscheinlich von Gregor von Nyssa, einem griechischen Kirchenvater des 4, Jahrhunderts. Er verlegt das Geschehen in die Zeit der Christenverfolgung unter Diokletian am Anfang des 4. Jahrhunderts. In dieser Version heisst es, eine himmlische Stimme habe zu der Frau gesprochen und ihr aufgetragen, wenn sie ein sichtbares Zeichen von Christus haben wolle, so solle sie in ihrer Kammer folgende Vorkehrungen treffen: Sie solle dort einen reinen Tisch bereitstellen, ein reines Tuch darauflegen sowie ein unberührtes Gefäss mit Wasser bereitstellen. Sie solle dies alles in einer geschmückten Kammer - mit was geschmückt, verrät der alte Text leider nicht - vorbereiten und sich sodann vor dem Gemach zu Boden legen und die Augen bedecken.

In der folgenden Nacht geschah dann das "Wunder", aber die Frau muss doch entgegen der Anweisung zwischen ihren Händen hindurchgeschaut haben, denn der Text schildert, was sie sah: es erschienen in der Kammer "der Herr" zusammen mit mysteriösen "himmlischen Heerscharen"; es waren undefinierbare Laute zu hören, die der spätere Textverfasser als "heilig, heilig, heilig"-Rufen der "himmlischen Heerscharen" interpretierte. (s. dazu meinen Artikel "Cherubim und Seraphim - Engel, Mischwesen oder Flugobjekte?") Die Frau sah etwas wie Flammen oder Blitze in der Kammer, und dann war alles vorbei. Als sie die Kammer betrat, fand sie dort das wunderbare Schleierbild vor. Spätere kirchliche Überlieferer der Geschichte spekulierten, der "Herr" habe wohl mit beiden Händen sein Antlitz mit Wasser aus dem bereitgestellten Gefäss benetzt und es dann mit dem reinen Tuch abgetrocknet, worauf der Abdruck seines Antlitzes darauf geblieben sei, "das allerwahrste Prägebild", wie es Gregor von Nyssa umschreibt.

Wie das Bild wirklich entstanden ist, darauf mag hoffentlich die zukünftige wissenschaftliche Forschung eine Antwort finden. Unabhängig davon, ob das Schleiertuch von Kamulia in Kappadokien mit dem Schleiertuch von Manoppello identisch ist - oder ob wir es hier, wie einige Historiker meinen, mit der verloren gegangenen "Veronika" aus Rom zu tun haben -, so haben wir doch in den beiden leider verschiedenen Entstehungsversionen einerseits die Aussage über ein auf "wunderbare" Weise durch Unbekannt entstandenes - oder deponiertes - Bild, und auf der anderen Seite ein Artefakt, an dem sich die heutigen Wissenschaftler bezüglich seiner Entstehung und Charakteristik die Zähne ausbeissen.

Das Schleiertuch von Kamulia wurde schnell weitberühmt und verehrt. In der folgenden Zeit wurde es in ganz Kleinasien von gebührenerhebenden (geschäftstüchtigen!) Priestern umhergetragen, bis es dann im Jahr 574 in feierlicher Prozession nach Konstantinopel überführt wurde. In der Predigt zur Überführungsfeierlichkeit heisst es: "Es kam das nicht von Menschenhand Gemachte aus Kamuliana, einem Flecken Kappadokiens."

Das Artefakt wurde zum Schutzpanier des Reiches, wurde auf Feldzügen mitgeschleppt, sollte helfen, die Truppen anzufeuern. In einem Fall jedoch verfehlte es seine Wirkung: der Feldherr Priskos wollte es bei einer Meuterei am Osterdienstag im Jaht 587 zur Beschwichtigung seiner Truppen verwenden. Doch er musste sich samt Wunderbild unter dem Steinhagel seiner Soldaten auf einem schnell bereitgestellten Pferd in Sicherheit bringen.

Doch auch später noch liess Kaiser Herakleios das Kamulia-Bild allen seinen Heerzügen vorantragen. Während des Perserfeldzuges im Jahre 622, so überliefert uns Theophanes, habe der König selbst das Wunderbild getragen, "und im Vertrauen auf das gottgezeichnete Urbild begann er die Kämpfe", heisst es bei Theophanes.

Im Laufe des 8. Jahrhunderts verliert sich die Spur des Bildes. Tauchte es im Jahr 1506 in Manoppello auf?

Für die Identität beider Bilder sprechen alte Aussagen wie die von Simokatta aus dem 7. Jahrhundert, der von diesem Bild schreibt, es heisse von ihm "seit alters und bis auf unsere Zeit gilt, dass göttliche Kunst es gebildet, nicht eines Webers Hände es gewirkt noch eines Malers Paste es gefärbt hat."

Verblüffenderweise scheint genau das die moderne Erforschung des Volto Santo zu bestätigen. Das Bild muss in der Tat beim Betrachter den Eindruck erweckt haben, weder gemalt noch gewoben zu sein. Diesen Eindruck macht das Schleiertuch von Manoppello noch heute auf den Besucher des Klosters.

Georgios Pisides schwärmte in einem Gedicht, das er im 7. Jahrhundert verfasste, über das Schleierbild von Kamulia: "Als anfangslos - nicht gings aus Kunst hervor; als unaussprechlich - ohne Pinsel wird's gemalt."

Wir wissen nicht, welche der beiden Entstehungsversionen die richtige ist, doch beide haben diesen berühmten "sense of wonder", der fromme Kirchgänger ehrfürchtig erschauern lässt - die Wissenschaftler aber neugierig macht.

Auffallend ist in Version A die Wasserresistenz, eine Art Goretex-Effekt, wie wir heute sagen würden. Werner Bulst, einer der Grabtuchforscher, der von kunsthistorischer Warte aus beim Vergleich verschiedener Christusbilder auch das Kamulia-Bild erwähnt, schrieb: "Das seltsame Motiv, dass es als Leinentuch aus dem Wasser gezogen sei, und sich dennoch nicht nass erwiesen habe, kann nicht ganz frei erfunden sein."

Entstehungsversion B wiederum erinnert eher an die Ereignisse von 1531 in Guadalupe: hier wie dort brauchte das versprochene "Zeichen" eine materielle Vorbereitung. (S. dazu meine beiden Artikel zur Jungfrau von Guadalupe).

Wie kam nun dieses "Wunderbild" nach Manoppello? Manoppello ist ein kleines Städtchen in den italienischen Abruzzen in der Provinz Pescara. Etwas ausserhalb des Ortes liegt das Kapuzinerkloster, das das Wallfahrtheiligtum mit dem Volto Santo betreut.

Im Jahr 1506 befand sich, an einem Sonntag Nachmittag, Doktor Giacomo Antonio Leonelli, ein Arzt und Gelehrter der freien Künste, auf dem Platz vor der Kirche des Hl. Nikolaus von Bari in Manoppello, als sich ihm ein Unbekannter näherte, der ihm etwas Verpacktes überreichte und ihm empfahl, es mit Verehrung aufzubewahren, da es sich um einen äusserst kostbaren Gegenstand handele. Dr. Leonelli entfernte die Umhüllung und hielt das Schleierbild in seinen Händen. Er sah auf, um den Unbekannten um nähere Auskunft zu bitten, was dies für ein Bild sei, wo er es her habe und warum er es ausgerechnet ihm übergebe - doch zu seiner Verblüffung war der Unbekannte spurlos verschwunden, wie in Luft aufgelöst. Dr. Leonelli liess überall nach dem geheimnisvollen Mann suchen, jedoch konnte ihn niemand finden. Er war und blieb verschwunden. Später meinten die Leute, es könne nur ein Engel gewesen sein, denn nur die seien imstande, sich im Augenblick ins Nichts zu entfernen.

Dr. Leonelli verwahrte das Schleierbild zunächst in seinem Hause, wo es recht schnell zum Gegenstand der Verehrung wurde und die bei christlichen Reliquien meist folgenden Wunderheilungen bewirkt haben soll.

Bei seinem Tode hinterliess Dr. Leonelli das Schleierbild seinen Erben, die fortfuhren, es in der Wohnung auszustellen. Etwa ein Jahrhundert später verkaufte Maria Leonelli den Schleier für vier Skudi (eine andere Quelle redet von 400 Skudi) an Dr. Antonio de Fabritijs, angeblich, um ihren Gemahl aus dem Gefängnis loszukaufen.

In den 20er Jahren des 17. Jahrhunderts kamen dann erstmals Kapuziner in den Ort, die dort eine Kirche erbauten. Dr. Fabritijs schenkte 1638 das wertvolle Bild den Kapuzinermönchen. Da der Schleier inzwischen an den Rändern ausgefranst war, schnitt Pater Clemente da Castelvecchio mit einer Schere den abgenützten Rand ab und liess das Bild zwischen zwei Gläser einrahmen. Es wurde auf den Altar gestellt, umgeben von einem einrachen Holzrahmen.

Man fragt sich, was wohl aus dem abgeschnittenen Randmaterial geworden ist. Der abgeschnittene Rand wäre hervorragend geeignet für wissenschaftliche Untersuchungen am Original!
Inzwischen hatte die Polularität des Schleierbildes weiter zugenommen. Es wurde ein religiöses Fest zu Ehren des Volto Santo eingesetzt, wo es mit feierlichen Prozessionen durch die Strassen des Städtchens getragen wurde. Das geschieht übrigens noch heute: an jedem 3. Sonntag im Mai und an jedem 6. August eines Jahres. Dies Ereignis zieht jährlich Massen von Pilgern an, von denen sicher der grösste Teil keine Ahnung hat, hinter was für einem unerklärlichen und brisanten Artefakt er herwallt!
1703 geschah etwas sehr Merkwürdiges in Manoppello. Pater Bonivacio d'Ascoli liess für das Schleierbild einen kostbaren Rahmen aus Silber anfertigen. Wie er jedoch den Schleier aus dem alten Holzrahmen herausnahm und ihn in den neuen Rahmen legte, verschwand das Bild. Verblüfft starrten alle Anwesenden auf einen reinen, weissen Schleier! Das Phänomen, das in einem mit allen geringsten Einzelheiten versehenen, von verschiedenen Zeugen unterschriebenen Bericht dokumentiert ist, dauerte einige Tage an, und erst, als der Schleier wieder in den alten Rahmen aus Holz zurückgelegt wurde, erschien das Bild wieder.
Das mag nun freilich nicht unbedingt ein göttliches Wunder gewesen sein, sondern man könnte sich auch einen natürlich erklärbaren Vorgang denken, wenn man sich daran erinnert, dass das Bild auch unter Wood-Licht verschwindet und auch dann, wenn man es gegen ein Licht hält.
Dies seltsame Phänomen des verschwundenen Bildes wiederholte sich im Jahr 1714, als man ein zweites mal versuchte, die Reliquie in den Silberrahmen zu fassen. Auch jetzt wieder verschwand das Bild, um wieder sichtbar zu sein, als der Schleier in seine ursprüngliche Holzfassung zurückgebracht wurde.
Einige Jahre später verfielen die Kapuzinermönche dann auf eine Patentlösung. Man liess einen Silberrahmen herstellen, in welchen das Bild mitsamt dem alten Holzrahmen passte, und tatsächlich verschwand diesmal das Bild auf dem Schleier nicht.
Womit haben wir es bei diesem Bild zu tun? Es entzieht sich bislang einer Erklärung der Merkmale und Entstehung durch die moderne Forschung. Das Bild ist und bleibt rätselhaft.
Literatur:
Allgeri, Renzo / Schenker, Paul O.: Das Volto Santo von Manoppello. In: Das Zeichen Mariens. Nr. 7, Reussbühl 1978
Bulst, Werner / Pfeiffer, H.: Das Turiner Grabtuch und das Christusbild. Frankfurt a.M. 1987 und 1991
Dobschütz, Ernst von: Christusbilder. Leipzig 1899
Ermel, Gisela: Rätselhafte Tilma von Guadalupe. Marktoberdorf 2002


















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